Foto: © Busy Shutters

Bösendorfer: Made in Wiener Neustadt – zu Hause auf der ganzen Welt

„Wenn irgendwo auf der Welt ein Bösendorfer gespielt wird, trägt er auch ein Stück Wiener Neustadt mit sich“, sagt Sabine Grubmüller. Und: „Sie dürfen ruhig ein bisschen stolz sein auf uns. Denn ein Bösendorfer ist auf der ganzen Welt bekannt, aber gebaut wird er nur hier.” Im Interview spricht die Bösendorfer-Geschäftsführerin über lebendige Tradition, die Verbundenheit zur Heimatstadt der berühmten Flügel und sie erzählt von der Faszination, wenn aus Handwerk Musik wird.

Holz, Metall und Filz stehen am Anfang jedes Bösendorfer-Flügels. In Hunderten Stunden Meisterhandwerk entstehen daraus die weltbekannten Instrumente. Einzigartig und unverkennbar, gefertigt mit viel Leidenschaft und Liebe zum Detail. Nur knapp 250 Instrumente verlassen jährlich die Klaviermanufaktur in der Gymelsdorfergasse.

Gegründet wurde Bösendorfer 1828. Heute gehört die Marke zum Yamaha-Konzern und ist doch so österreichisch geblieben, wie ihr Klang: Entwicklung, Wissen, Handwerk und Fertigung sind eng mit Österreich verbunden. Seit 2015 führt Sabine Grubmüller das Unternehmen mit rund 250 Mitarbeitern an den Standorten Wiener Neustadt und Wien.

Viel Zeit und hunderte Arbeitsschritte liegen zwischen der Auswahl der richtigen Bäume und Bretter bis zum fertigen Flügel. (Fotos: Busy Shutters)

Ein Konzertflügel braucht Jahre, bis er fertig ist – in einer Welt, in der sonst alles immer schneller werden muss. Was können wir von einem Produkt lernen, das sich bewusst Zeit lässt?

Sabine Grubmüller: Vielleicht vor allem eines: Nicht alles wird besser, nur weil es schneller geht. Bei uns gibt es Dinge, die einfach Zeit brauchen. Das Holz muss reifen, viele Arbeitsschritte brauchen Erfahrung, Gefühl und Geduld.

Natürlich optimieren auch wir Prozesse. Aber nicht dort, wo Zeit ein Teil der Qualität ist. Das fasziniert mich persönlich an Bösendorfer: Wir bauen Instrumente, die Generationen überdauern können.

„Zeit ist bei uns nicht der Preis für Qualität. Sie ist ein Bestandteil von Qualität.“

Bösendorfer wurde 1828 gegründet und steht heute trotzdem nicht im Museum, sondern entwickelt sich weiter. Wie viel Tradition darf man bewahren, ohne irgendwann darin festzustecken?

Tradition bedeutet für mich nicht, alles genauso zu machen wie früher. Sie bedeutet, zu wissen, woher man kommt und was einen unverwechselbar macht.

Unser Wissen, unser Handwerk und unser Klang geben uns ein starkes Fundament. Gleichzeitig müssen wir neugierig bleiben. Wenn wir 1828 stehen geblieben wären, gäbe es Bösendorfer heute wahrscheinlich nicht mehr.

„Tradition ist eine Wurzel, kein Anker.“

Bösendorfer gehört heute zum japanischen Yamaha-Konzern, produziert aber weiterhin ausschließlich in Österreich. Was bedeutet „österreichisch“ für Bösendorfer heute eigentlich?

Österreichisch bedeutet für mich vor allem: Hier ist unsere Heimat. Unsere Instrumente entstehen hier, unser Wissen sitzt hier und unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter tragen dieses Wissen weiter.

Yamaha gibt uns gleichzeitig ein internationales Netzwerk und viele Möglichkeiten. Ich sehe darin keinen Widerspruch. Wir können sehr österreichisch und zugeich auf der ganzen Welt zu Hause sein.

„Wenn irgendwo auf der Welt ein Bösendorfer gespielt wird, trägt er auch ein Stück Wiener Neustadt mit sich.“

Wenn Sie einen internationalen Geschäftspartner durch Wiener Neustadt führen: Welchen Ort würden Sie ihm zeigen, um ihm zu erklären, was diese Stadt ausmacht?

Ich würde die Kasematten wählen. Sie verbinden Geschichte und Gegenwart auf eine sehr schöne Weise. Die historische Substanz wurde nicht nur bewahrt, sondern mit neuem Leben gefüllt.

Das passt für mich zu Wiener Neustadt – und auch zu Bösendorfer. Geschichte ist besonders wertvoll, wenn aus ihr etwas Neues entstehen darf. Durch unser Festival haben die Kasematten für mich natürlich zusätzlich eine ganz besondere Bedeutung.

Was wünschen Sie sich, dass die Wiener Neustädter über Bösendorfer wissen, was vielleicht noch zu wenige wissen?

Dass sie ruhig ein bisschen stolz auf uns sein dürfen. Ein Bösendorfer ist auf der ganzen Welt bekannt – aber gebaut wird er nur hier.

Hinter jedem Instrument stehen Menschen aus der Region, großes Fachwissen, Handwerk und viel Leidenschaft. Wenn man einen fertigen Flügel auf einer Bühne sieht, ahnt man oft gar nicht, wie viele Hände daran gearbeitet haben.

„Sehen Sie Bösendorfer nicht nur als große österreichische Marke. Sehen Sie es auch als ein Stück Wiener Neustadt.“

Mit dem Bösendorfer Festival ist der Name der Manufaktur inzwischen auch eng mit den Kasematten und dem Kulturleben der Stadt verbunden. Warum ist es für ein Unternehmen, das seine Instrumente in alle Welt verkauft, wichtig, auch vor der eigenen Haustür kulturell präsent zu sein?

Weil wir hier nicht nur produzieren, sondern Teil dieser Stadt und Region sind. Unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter leben hier, unsere Instrumente entstehen hier – und deshalb möchten wir auch hier erlebbar sein.

Das Festival bringt beides zusammen: die Manufaktur und die Musik. Unsere Instrumente werden nur wenige Kilometer entfernt gebaut und in den Kasematten hört man, wofür sie geschaffen wurden.

„Wir möchten Bösendorfer in Wiener Neustadt nicht nur sehen, sondern auch hören lassen.“

Welche Rolle spielen Kultur und Musik für die Lebensqualität einer Stadt – und wird diese Rolle Ihrer Meinung nach unterschätzt?

Ich glaube schon, dass Kultur manchmal unterschätzt wird. Eine Stadt braucht natürlich gute Infrastruktur, Arbeitsplätze und Schulen. Aber Lebensqualität entsteht auch dort, wo Menschen gemeinsam etwas erleben.

Musik schafft solche Begegnungen. Menschen mit ganz unterschiedlichen Hintergründen sitzen für einen Abend gemeinsam in einem Raum und erleben dasselbe. Das schafft Verbindung – und genau solche Momente machen eine Stadt lebendig.

„Eine Stadt besteht nicht nur aus Gebäuden. Sie besteht auch aus den Erlebnissen, die Menschen miteinander verbinden.“

Was möchten Sie in zehn Jahren über Bösendorfer sagen können?

Dass Bösendorfer noch immer unverwechselbar Bösendorfer ist – und trotzdem nicht stehen geblieben ist.

Ich möchte, dass junge Menschen unser Handwerk lernen wollen, dass wir unser Wissen weitergeben, neue Technologien sinnvoll nutzen und weiterhin Instrumente bauen, die Künstlerinnen und Künstler auf der ganzen Welt berühren.

„Unser Ziel darf nicht sein, 200 Jahre Vergangenheit zu feiern. Unser Ziel muss sein, bereit für die nächsten 100 Jahre zu sein.“

Wenn ein Bösendorfer-Flügel ein Mensch wäre – welche drei Eigenschaften hätte er?

Charakterstark, sensibel und eigenständig.

Charakterstark, weil ein Bösendorfer eine klare Persönlichkeit hat. Sensibel, weil er sehr fein auf die Person reagiert, die ihn spielt. Und eigenständig, weil wir nie versucht haben, so zu klingen wie alle anderen.

Sie sind seit vielen Jahren bei Bösendorfer. Gibt es trotzdem noch Momente in der Manufaktur, in denen Sie selbst staunen?

Ja, absolut. Mich beeindruckt immer wieder, wie aus Holz, Metall, Filz und vielen einzelnen Arbeitsschritten irgendwann ein Instrument mit einer eigenen Persönlichkeit entsteht.

Besonders schön ist der Moment, wenn ein Instrument zum ersten Mal wirklich als Ganzes klingt. Man weiß, wie viele Menschen daran gearbeitet haben – und plötzlich wird aus all diesen einzelnen Arbeitsschritten Musik. Daran gewöhnt man sich eigentlich nie.

„Der schönste Moment ist, wenn aus Handwerk plötzlich Musik wird.“

  • Zur Person: Sabine Grubmüller

Sabine Grubmüller ist seit 2015 Geschäftsführerin von Bösendorfer und seit 2008 im Unternehmen tätig. Sie begleitet damit seit vielen Jahren die Verbindung von traditionellem Klavierbau, internationaler Marke und moderner Unternehmensentwicklung.

Durch die Bösendorfer-Manufaktur und das Bösendorfer Festival in den Kasematten ist ihre Arbeit eng mit Wiener Neustadt verbunden. Weiters finden ausgewählte Veranstaltungen im Bösendorfer Auswahlzentrum statt.

Beim Bösendorfer Festival können Sie in die Klangwelt der Bösendorfer-Flügel eintauchen, wenn in den Kasematten Stars aus Bühne, Film und Fernsehen in Dialog mit dem Klavier treten. Das Programm und Ticketinfos finden Sie auf der Website des Festivals.

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